Liebe Anna,
die Gefühle von denen Sie sprechen, kann ich sehr gut nachempfinden. Wenn man verzweifelt versucht, das Arbeitspensum irgendwie zu schaffen. Auch wenn das bedeutet, dass man alles was einem einstmals lieb und wert war (die Beziehung, die Freunde, die Hobbies) über Bord werfen möchte, nur damit man noch irgendwoher Zeit gewinnen kann. Das ist eine gefährliche Spirale, die immer weiter weg von den eigenen Bedürfnissen und direkt in den Abgrund führt. Und aus eigener Erfahrung weiß ich: es ist der falsche Weg, er führt NICHT aus dem Dilemma.
Vertrauen Sie Ihrer Familie und Ihrem Partner, denn deren Vorschlag ist goldrichtig! Da diese Menschen, die Sie lieben, nicht demselben Druck und Gefühlschaos ausgesetzt sind, in dem Sie sich gerade befinden, sehen sie die Situation sehr viel realistischer und klarer.
Die Situation, die Sie schildern klingt auch mir nach einem ausgeprägten Burnout; Aus meiner Erfahrung haben Ihre Einstellung zur Arbeit und Ihr sehr pflicht- und verantwortungsbewusstes Handeln mit dazu beigetragen , dass Sie sich nun in dieser Lage befinden. Pflicht- und Verantwortungsbewusstsein ist eine wunderbare Eigenschaft, auf die Sie zu Recht stolz sein können. Wie bei allen Dingen im Leben tut aber ein „zuviel“ auf Dauer nicht gut.
Vielleicht gelingt es Ihnen, Ihre Situation einmal aus folgendem Blickwinkel zu betrachten:
Angenommen Sie hätten einen Job, bei dem Sie vieles körperlich zu tun hätten (zB. Servieren im Gastgewerbe). Und dann heben sie zu oft viel zu schwere Sachen, verreißen sich eines Tages das Kreuz und können sich nicht mehr bewegen. Ihr Arzt würde weitere Belastung strengstens verbieten, da sonst ein Bandscheibenvorfall droht und sie hätten nun wahrscheinlich kein Problem damit, in den Krankenstand zu gehen, bis sich ihr Rücken erholt hat und der Arzt wieder grünes Licht gibt – Sie wollen ja nicht im Rollstuhl landen.
In Ihrem Fall ist es nicht der Rücken, der überbelastet wurde, sondern ihr Energiehaushalt, ihre Seele, ihre Lebensbatterie. Und die müssen sich, wie auch ein Rücken, bei Überbelastung erholen, denn sie sind, auch wenn man sie nicht sieht, Teile unseres Körpers. Und Sie dürfen mit gutem Gewissen in den Krankenstand gehen.
Bis zu einer Kündigung aus einem Krankenstand heraus ist es ein weiter Weg – die Gesetzte schützen Sie da ein ganzes Stück weit. Erkundigen Sie sich dazu am besten bei der Rechtsberatung der Arbeiterkammer.
Haben Sie dann nach einiger Zeit wieder Ruhe und Abstand und vor allem einen klaren Kopf gewonnen, können Sie immer noch entscheiden, ob Sie mit dem alten Job weitermachen oder sich etwas Neues suchen möchten.
In Ihrer derzeitigen Verfassung hätten Sie bei einem Bewerbungsgespräch stark verminderte Chancen – man würde Ihnen die Erschöpfung sofort anmerken.
Sind Sie hingegen wieder erholt und wissen wieder, wohin Sie der Weg weiterführen soll, dann haben Sie sicher gute Chancen auf einen neuen Job. Ich kenne zwar weder Ihre Ausbildung noch Ihr Alter, um diese genauer einschätzen zu können, wegen der oftmaligen Wechsel und kurzen Dienstzeiten können Sie aber ganz beruhigt sein: Wechsel machen nur dann kein gutes Bild im Lebenslauf, wenn Sie aus eigenem Antrieb oft das Unternehmen gewechselt haben. Sie hingegen sind mehrmals Opfer der Umstände geworden, und dieses Pech wird Ihnen niemand vorwerfen.
Ob Sie als Sachbearbeiterin oder als Sekretärin mehr Stress haben, lässt sich generell nicht sagen; vieles wird vom Umfeld und anderen Faktoren abhängen, die jetzt noch warten dürfen – im Vordergrund sollte jetzt erstmal Ihre Gesundheit stehen. Gönnen Sie sich diese Erholungszeit im Krankenstand und kommen Sie wieder zu Kräften und ins Gleichgewicht. Danach sieht alles gleich um einiges leichter aus!
Falls Sie noch Fragen haben oder weitere Tipps benötigen: gern über dieses medium oder auch direkt über meine Mail-Adresse.
Ich hoffe, ich konnte die Entscheidung für den Krankenstand und die nächsten Schritte etwas erleichtern und wünsche Ihnen alles Gute und vor allem viel Ruhe und Entspannung.
Mit österlichen Grüßen
Petra Brenner
www.courage-factory.at
petra.brenner@courage-factory.at